Weihnachtsrede von Stadtrat Dr. Hans-Walter Roth vom 15.12.2021
Stadtrat Dr. Hans-Walter Roth
15.12.2021
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Czisch, Frau Bürgermeisterin Mann, meine Herren Bürgermeister Bendel und von Winning,
es ist ein alter Brauch, der bis ins 15. Jahrhundert zurück reicht, - am Ende eines jeden Jahres zieht der jeweils dienstälteste Stadtrat eine Bilanz. In Vertretung von unserer Gemeinderätin, Frau Helga Malischewski, der wir von hier aus eine gute Besserung, -ich sehe ohne Gegenstimme oder Enthaltung-, wünschen, fällt mir heute das letzte Wort in diesem Gremium zu.
Das abgelaufene Jahr 2021 war ein Jahr des Umbruchs. Es war das Jahr der Unruhen, Katastrophen, Kriege. Es war gekennzeichnet von einer Epidemie wie sie bis heute unbekannt war, doch nein, Ulm war auch der Vergangenheit vor solchen Seuchen nicht gefeit: 1634, so schreibt uns der Chronist gab es in Ulm die große Pest, eingeschleppt vom Handel, zugleich gab es die Syphilis, verbreitet vom Gewerbe, das damals in der Frauengasse lokalisiert war. Beide Erkrankungen überrollten rasch als Pandemie ganz Europa.
Der Rat dieser Stadt suchte nach Gegenmaßnahmen, es gab wie heute mehr Besserwisser denn Wisser. Der Stadtphysikus Scultetus empfahl für solche Situationen den Lockdown, den der Münsterpfarrer zu unterlaufen suchte, denn die Gläubigen mieden aus Angst vor der Ansteckung die Kirchen, es fehlte ihm das Geld der Kollekte.
Man isolierte die Kranken, das alte Klinikum am Dreifaltigkeitsshof war hoffnungslos überfüllt. Die Toten beerdigte man in Massengräbern, die jetzt bei der archäologischen Aufarbeitung des Geländes entdeckt wurden. Heute, 2021, entsteht an dieser Stelle ein modernes Alten- und Pflegeheim.
Die Überlebenden der Seuche brauchten, um die Infektion nicht weiter zu tragen einen Passierschein, einen Nachweis, dass sie genesen sind. Der amtierende Oberbürgermeister des Ulmer Rathauses hatte seinen Bürgern, so auch den Händlern, Gesundheitspässe auszustellen, um ihren Barchent auswärts verkaufen zu können. Ein solcher Passierschein von 1720 tauchte kürzlich in Venedig auf, er befindet sich jetzt wohlbehalten im Stadtarchiv.
Mit diesem Passierschein bestätigte der Oberbürgermeister einem Ulmer Kaufmann dass er frei von der Pestilenz und der Syphilis sei. Wie der Herr Oberbürgermeister vor allem letztere diagnostizierte, ist uns nicht näher bekannt.
Doch nicht nur über gesundheitliche Katastrophen berichten unsere Chroniken. Starkregen und Hochwasser gab es schon immer an der Donau, in ihren wörtlich „reißenden Fluten“ wurden 1340 die Stadtmauer und der Metzgerturm errichtet. Immer wieder traten die Donau, Weihung und Iller über die Ufer, das Jahrhunderthochwasser tritt mittlerweile alle paar Jahre auf.
Auch die Verkehrsprobleme sind nicht neu. Der Rat entschied noch vor dem dreißigjährigen Krieg, dass der Schwerlastverkehr die Innenstadt zu meiden habe. Die Holzfuhrwerke mussten ihre Baumstämme vor dem nördlichen Stadttor abladen, ein Durchkommen mit der Kutsche zum Münsterplatz war unmöglich, Gassen und Straßen waren hoffnungslos zugeparkt.
Ulm war 2021 eine Großbaustelle, eigentlich nichts Neues. Kaiser Konrad III klagte 1129 in einem Schreiben an den Gemeinderat, -es liegt in unserem Stadtarchiv-, über zahllose Baustellen in der Innenstadt. Er monierte, so wörtlich, man könne nicht einmal stolperfrei und trockenen Fußes das Donauufer erreichen. Der Rat der Stadt forderte daraufhin staatliche Unterstützung beim Straßenbau, - sie ist bis heute nicht eingetroffen.
Befestigte Wege gab es in Ulm kaum, wer auf den Eselsberg wollte, stapfte durch den Schlamm, selbst ein Pferdegespann schaffte es im Winter nicht bis auf den Kuhberg. Heute, 2021, haben wir eine Straßenbahn, sie fährt seit 100 Jahren bei Wind und Wetter umweltschonend mit Strom aus der Donau.
Es gab nicht nur wie heute Unruhen, Streit, Scharmützel und Überfälle. Banden trunkener Gesellen machten nachts die Stadt unsicher, die Nachwächter berichteten von Übergriffen auf ihre Person, der Rat der Stadt verstärkte daraufhin den kommunalen Ordnungsdienst. Bei Angriffen auf unsere Polizei, bei Übergriffen auf die Synagoge, da kennen wir auch 2021 keine Diskussion und keine Toleranz.
Kaiser Franz schrieb 1794 an den Gemeinderat. Er wetterte, dass ihm, als oberster Herr einer Besatzungsmacht von den Ulmern keinerlei Respekt gezollt wurde. Er forderte den Haupträdelsführer, einen verdienten Stadtrat, hinter Gitter zu sperren. Der Rat tagte, man folgte einmütig dem Befehl aus Wien. Der Renitent kam ins städtische Gefängnis und man verlegte mit einer nie da gewesenen Einigkeit den abendlichen Frühschoppen hinter die Gefängnismauern und ließ sich dort mit üppigem Speis und Trank aus dem Ratskeller verwöhnen. Auch hier, mit der Einführung des offenen Strafvollzugs, war Ulm seiner Zeit weit voraus.
Feuerwehr und Rettungsdienst waren während des dreißigjährigen Krieges hoffnungslos überfordert. Die Rettungsleitstelle „Münsterturm“ löste laufend Fehlalarme aus, der Türmer verwechselte die Betglocke mit der Feuerglocke, die Totenglocke mit der Schwörglocke. Erst nach einem Lokaltermin des Rats auf dem Münsterturm fand man die Ursache: der diensthabende Wächter bekam nämlich jeweils schon vor Dienstantritt die damals übliche Tageslöhnung: 2 Pfund Brot und 6 Maß Bier. Der Rat beschloss daraufhin seinen Vertrag zu ändern, nach Auszahlung des Honorars erst nach Dienstende funktionierte die Leitstelle wieder.
Wir verfügen, wie gerade vor zwei Tagen wieder einmal bewiesen wurde, über eine leistungsfähige Feuerwehr und einen optimalen Rettungsdienst, der Gemeinderat unterstützt diese, wir bauen die modernste Rettungsleitstelle Europas in der Karlsstraße. Auch die Wasserrettung, die DLRG, ist jetzt, 2021 in trockenen Tüchern.
Der Mohr kehrte zurück in die Mohrengasse. Vorrübergehend zur Möhren-, also Schwarzwurzelgasse umbenannt kam der heilige Mauritius, also der Mohr, in die Altstadt zurück. Seit dem sechzehnten Jahrhundert bewahrte er Ulm vor Krieg und Hungersnot und schützte das Rathaus vor publicityträchtigen Anträgen aus dem Gemeinderat.
Übermorgen jährt sich der Tag an dem unsere Stadt von Bomben zerstört wurde. Über 700 Bewohner verloren ihr Leben, tausende Flüchtlinge aus dem Osten kamen nach Ulm und fanden hier eine Heimat. Doch noch immer steht die Welt im Krieg. Flüchtlinge drängen in Unser Land in unsere Stadt. Wir müssen zusammenrücken, auch wenn es eng wird.
Ulm ist eine soziale Stadt, Papst Alexander weihte 1235 die klösterliche Armenklinik, Kaiser Friedrich zertifizierte sie 1245. Die „Ulmer Nester“ am Karlsplatz oder alten Friedhof, die wohnlich umgebauten Bauwagen in der Einsteinstrasse beweisen dieses soziale Engagement.
Eines haben wir aus der Vergangen gelernt: Wir brauchen keine Profilneurosen, - derzeit gibt es deren in der Politik wahrhaft genug -, wir brauchen Profile. Und wir Ulmer haben diese.
Wenn wir heute auf das vergangene Jahr 2021 zurückblicken, dürfen wir dankbar sein, unser Dank gilt allen, die sich in Amt und Ehrenamt um Ulm und seine Bürger engagierten. Die lange, bewegte Geschichte unserer Stadt hat gezeigt, dass wir es gelernt haben, Krisen zu bewältigen. Dafür steht unser Ulmer Münster, einst mit Gottvertrauen erbaut. Im Vertrauen auf Gottes Hilfe, was in Berlin gerade von höchster Stelle abgeschafft wurde, wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und friedvolles 2022.