Rede von Dr.Thomas Kienle zur Umbenennung der Heilmeyersteige vom 17.07.2019
Um es gleich vorweg zu sagen, es geht heute nicht darum posthum über den Namensgeber ein Tribunal zu veranstalten.
Ja es geht heute auch nicht darum, Geschichte ungeschehen zu machen oder Geschichte zu korrigieren, Geschichte zu entsorgen, Geschichte zu säubern und/oder zu reparieren, sie zu verbessern oder neu zu schreiben oder gar sie umzu- deuten. Wir tilgen heute auch keinen Gedächtnisspeicher.
Die Geschichte so wie sie sich ereignet hat, wird von uns weiter ausgehalten. Und die Biographie Ludwig Heilmeyers und die Zeit- und Medizingeschichte in der Hämatologie, in der er gelebt hat, wird der Welt in einer Vielzahl von Publikationen erhalten bleiben.
Auch deshalb geht es heute nicht darum, das postmortale Persönlichkeitsrecht des Namensgebers zu beeinträchtigen. Nein, darum geht es nicht.
Allenfalls wird der Name Heilmeier nach dem Umbenennungsverfahren im öffentlichen Straßenbild in Ulm verblassen.
Und um es heute und hier noch einmal klar zu sagen, wir betreiben heute keinen Geschichtsexorzismus.
Und jede Generation dieser Stadtgesellschaft hat das Recht, aber auch die Pflicht, immer aufs Neue zu überprüfen, welche Vorbilder sie protagoniert und welchen Vorbildern sie folgt.
Aus heutiger Sicht ist Ludwig Heilmeyer kein Vorbild mehr.
Unbestritten hat er Verdienste
· für die Universitätsgründung in Ulm,
· für die Einführung der Psychosomatik in die Lehre
· für die psychotherapeutische Behandlung in der Klinik
· für die Entdeckung neuer Krankheiten
und ihm ist
· der Aufbau der Nuklearmedizin sowie
· die Entwicklung des Schloss Reisensburg bei Günzburg als internationales Institut für die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Universität Ulm zu verdanken
und
· wir verkennen auch nicht, dass er das große Bundesverdienstkreuz erhalten hat, aufgrund seiner unerschöpflichen Tatkraft für das gemeine Wohl.
Aber nichtsdestoweniger sind wir der Ansicht, dass die
· Teilnahme an gewaltsamen Säuberungen und Erschießungen in der Räterepublik
· die aktive Verfolgung der Abschaffung der Weimarer Demokratie,
· die Fördermitgliedschaft in der SS
· die mehrfach vergeblichen Versuche des Beitritts zu NSDAP
· die aktive Mitgliedschaft in Wehrverbünden zur Abschaffung der Weimarer Republik, seine Mitgliedschaft im Stahlhelm und
· die tätige Organisation von und für 2400 SA Angehörige
· die Umsetzung des Führerprinzips an der Universität Jena
kein verfolgenswertes oder gar vorbildhaftes Verhalten für eine demokratisch verfasste Gesellschaft ist.
Auch wenn es für unsere Begriffe und unsere Lebenswirklichkeit heute unvorstellbar ist und eine Vielzahl von Menschen und Soldaten unwillentlich in unvorstellbare unsägliche Gräueltaten verstrickt wurden, gab es und gibt es in jeder Zeit, die Möglichkeit einen, einen humaneren, einen anderen, einen weniger bestialischen Weg zu wählen.
Ludwig Heilmeyer musste nicht an die Ostfront gehen, er ließ sich als Freiwilliger dahin versetzen.
Im ukrainischen Lager hätte angesichts der Vorräte kein Häftling den Hunger leiden müssen, der Hunger und die Seuche war von Menschen Hand gemacht.
Als Lagerarzt hätte er immer darauf hinwirken können und müssen, dass Hunger, Choleraepidemien, Verlausung und Dehydrierung entgegengewirkt wird.
Tatsächlich hat er sie grassieren lassen.
Sich auf dieser selbst inszenierten Basis dann auch noch an bakteriologischen Forschungen zu ergötzen, dies sind Verhaltensmuster und Weltbilder, die mit unseren Vorstellungen nichts mehr gemein haben,
Bei allen Verdiensten in der Wissenschaft, bei aller unerschöpflicher Tatkraft, ist doch immer auch die Frage zu stellen, wofür und für welche Ziele wird die Tatkraft eingesetzt, wem nutzt sie und wem schadet sie.
Wir dürfen deshalb die Augen nicht verschliessen,
· dass Ludwig Heilmeier sein Fachwissen als Arzt in den Dienst einer NS Vernichtungsideologie gestellt hat,
· dass er sich, ohne Not, auch nach dem großen Krieg, für die Rehabilitierung von Menschen eingesetzt hat, die sich bei Menschenversuchen im KZ Dachau gegen die gültigen Vorstellungen von Menschlichkeit versündigt haben und nach geltendem Völkerrecht schwer strafbar gemacht haben und wir müssen sehen,
· dass er, um sich selbst rein zu waschen, sich mit einer perversen Lüge selbst als Opfer und Widerstandskämpfer gegen die NS Ideologie stilisiert hat.
Bei alledem ging es ihm in erster Linie um die eigene Karriere, den eigenen Ruhm, weniger um das allgemeine Wohl.
So ignorierte er die wissenschaftlichen Verdienste jüdischer Kollegen, in deren historischen Reihenfolge er sich hätte stellen müssen und erwähnte diese nicht einmal.
Selbst, wenn man rein faktisch betrachtet zum Ergebnis kommen wollte, dass LH kein nationalsozialistischer Funktionsträger gewesen wäre, selbst, wenn man zu seinen Gunsten annehmen wollte, dass er an Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht beteiligt gewesen wäre, so sind die Kriterien für die Umbenennung des Straßennamens nach unseren heutigen Richtlinien dennoch eindeutig erfüllt.
Unstreitig hat er NS-Gedankengut und Rassismus propagiert. Unstreitig hat er ein demokratiefeindliches Verhalten nach dem Ende der NS Diktatur an den Tag gelegt.
Er zeigte keine Bereitschaft zum Umdenken und legte keine nachweislich kritische Selbstreflektion an den Tag.
Doch selbst, wenn man hier wider alle wissenschaftlich basierte Evidenz, nach wie vor Zweifel haben wollte, ob die Kriterien für eine Umbenennung voll umfänglich erfüllt sind, so können wir heute keinem nahelegen, sich an der, selbst von damaligen linientreuen nationalsozialistischen Funktionären attestierte, übersteigerte Heilmeyersche Opportunität und dessen manischen Egoismus zu orientieren und/oder sich von diese im öffentlichen Straßenbild ein Beispiel zu nehmen.
Opportunismus darf keine Schule machen!
Deshalb haben wir uns heute der Pflicht zu stellen und der heutigen Generation zu sagen, wer dieser Gründungsrektor der Universität Ulm, Ludwig Heilmeier auch gewesen ist.
Straßennamen sind keine Monumente!
Straßenamen sind in der Demokratie auch kein Ausdruck von Personenkult.
Straßennamen haben Ordnungsfunktion und geben Orientierung.
Sie geben Orientierung in geographischer Hinsicht, aber auch in weltanschaulicher Sicht, insbesondere wenn es sich wie hier um personalisierte Straßennamen handelt.
Mit dem heutigen gesicherten Erkenntnissen über Ludwig Heilmeyer können wir ihn nicht als positive Orientierung im Ulmer Straßenbild stehen lassen.
Unsere Gesellschaft der Zukunft braucht keine Opportunisten, sondern in der Tradition der weißen Rose, Haltung!
Und zur Haltung in der Demokratie gehört (echte) Widerstandskraft gegen heraufziehenden Nationalismus, Antisemitismus und Bestialismus.
Gerade wir in Ulm sind hier in besonderer Weise gefragt, eine klare Trennlinie zu ziehen und Orientierung zu geben, das sind wir den Opfern der weißen Rose, Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber. schuldig.
In einer Zeit des wieder aufkeimenden Nationalismus,
In einer Zeit, in der 60 Millionen Opfer des grausamsten Krieges der Menschheitsgeschichte als historischer Vogelschiss marginalisiert werden,
In einer Zeit, in der bei Kyffhäusertreffen die Abschaffung der Demokratie proklamiert wird und gemäßigte Nationale vor radikalisierendem Kollektivismus warmen,
braucht Demokratie eine klare Orientierung.
Am Samstag jährt sich zum 75. Male das Attentat von Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler.
Von Stauffenberg hat wie Georg Elser, wie Erwin Rommel wie die Geschwister Scholl gehandelt und Haltung bewiesen und sie haben mit ihrem Leben dafür bezahlt.
Auch ihre Opfer einer menschenverachtenden Ideologie mahnen uns, frühzeitig klare Linien zu ziehen, immer eine klare Sprache zu sprechen und fortan eine klare Orientierung zu geben.
Auch deshalb sind wir heute in der Pflicht, die Umbenennung nun in Gang zu setzen.
TK 17.7.19